Impressionen vom Besuch

in meiner

Heimatstadt Löbau

Wenn Vergangenheit die Gegenwart berührt

Das gleiche Haus ist das Gleiche nicht mehr, die Straßen, obwohl die alten, sind fremd geworden und dort, wo am Schulweg an jedem Stein, an jedem Baum, an jeder Kreuzung ein Stück kindlichem Empfindens hing, sind jetzt nur Straßen, Bäume und Kreuzungen - an denen man auf die Ampeln achten muss.
Ich versuche mich an die alten Leute aus meiner Kindheit zu erinnern, an Weise Max, an Krause Resel, an Engler Gertrud und denke, sie müssten mir entgegenkommen.
Ja - sie kommen - etwas wunderlich ausschauend, langsamen Schrittes und ich glaube, es sind die Alten aus meinen Kindheitstagen.
Doch plötzlich wird klar: Dort kommen die Jungen und Mädchen, mit denen ich als Kind gespielt, gestritten und Räuber und Gendarm gespielt habe.

Damals Neues und damals Gegenwärtiges ist verfallen oder wieder aufpoliert, oder ganz verschwunden, wie auch die geliebten Menschen, die Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten, manche Bekannten.
Sie alle lebten in den heute verfallenen, oder aufpolierten oder verschwundenen Mauern und gingen über Wege und Straßen, waren freundlich, lieb oder streng oder auch nur durch ihre Statur oder durch ihre Gesichtszüge bekannt.
Vergangenes dringt in die Gegenwart und ich „atme " Vergangenheit, die sich mit der Gegenwart mischt.
Und die Welt ist Eins und Zeit eine Illusion; damals ist jetzt und jetzt ist damals und Vergangenes lebt und das Jetzt - atmet aus dem Vergangen und aus der Ewigkeit.
Und so leben die Lieben dar Vergangenheit weiter in mir und mit mir werden sie weiter in unseren Nachkommen leben und unsere Ahnen sind in uns und wir auch in Ihnen.
Danke - dass ich dieses Empfinden erleben durfte.

Mein Elternhaus und der
Löbauer Berg



*  *  *


Die Wunder Gottes

Gottes Sohn machte Wasser zu Wein !?
Gottes Sohn wandelte auf dem Wasser?!
Gottes Sohn wurde von einer Jungfrau geboren?!
Gottes Sohn trieb Dämonen aus und schickte sie in eine Schweineherde, die daraufhin einen Abhang hinabstürzte?!
Gott schuf die Erde und den Menschen in sechs Tagen?!
Jonas wurde von einem großen Fisch verschlungen, war drei Tage in dessen Leib und wurde durch sein Gebet zu Gott wieder ans Land ausgespien !?

Noch viele, viele Wunder mehr, haben Gott und Gottes Sohn vollbracht!
Und da die Bibel Gottes Wort ist, also wahr ist, wird hier und da die Evolutionstheorie Darwins angezweifelt und - sogar bekämpft.
Wenn also Gott die gesamte Welt in sechs Tagen geschaffen hat, warum sollte er dann den Menschen nicht an einem Tag aus Lehm gefertigt haben?
Wer an Gott glaubt, glaubt auch an seine Wunder!
So glaube auch ich an die Wunder Gottes.
Allerdings kann ich nicht glauben, dass Gott Taschenspielertricks nötig hatte, um eine ganze Welt und somit auch uns zu schaffen. Ich glaube nicht, dass Gott gegen die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze handeln musste, um Menschen von seiner Allmacht zu überzeugen.

Geschichten, die vor einigen Tausend Jahren an den Feuern der Menschen des biblischen Zeitalters über Generationen hinweg in orientalisch blumiger Ausschmückung erzählt wurden, enthielten gewiss den damaligen Lebensumständen entsprechend viele wunderbare Erscheinungen, die mit den Wünschen der Menschen verbunden waren.
Nach und nach wird man begonnen haben, diese Geschichten aufzuschreiben.
In späteren Generationen wurden Fragmente dieser Schriften wieder aufgefunden, zusammengefasst und schließlich zum Gesetz erhoben.
So etwa könnte das Alte Testament und später auch das Neue Testament entstanden sein.
Und Menschen lebten über Jahrtausende mit diesem Gesetz.
Das war gut so!
Denn die Erzählungen der „Alten" enthielten Wünsche und Hoffnungen, und brachten ein inneres moralisches Gesetz ans Licht, das für das Zusammenleben der Menschen erforderlich war und ist. Die Liebe, die sie in sich spürten, wurde in diesen Geschichten zum Faktum, zum Gesetz, zur moralischen Pflicht und war dem Leben förderlich und Grundlage.
Das, was im Inneren des menschlichen Wesens angelegt war und ist, kam in diesen Wundererzählungen zum Vorschein und ist bis heute Gottes Wort, weil in unserem Wesen etwas göttliches schlummern muss, weil wir die Allmacht Gottes in uns spüren.
Die Erzählungen von Himmel und Erde, von Gott und den Menschen, von Gottes Sohn und seinen Wundern, oder vom Empfang der Gebote auf dem Berg Sinai zielen immer darauf hin, dass Gott und Mensch und Tier und Pflanze und alles, was ist, eine Einheit sind.
„Gott ist in dir und du bist in Gott", so steht es in der Bibel.
So ist mir Gott ein SEIN insgesamt und alles was einzeln ist ein SEIN im Einzelnen und das Einzelne ist mir Teil des Gesamten - also das Einzelne im Gesamten und das Gesamt im Einzelnen.
Und ständige Übergänge vom Einzelnen zu Ganzem und aus dem Ganzen zu Einzelnem sind mir der Wandel von Geburt und Tod. So bin ich bei Gott im Leben und im Tod, und der Begriff Tod erfährt so eine neue Dimension. Eine Dimension, die Geburt, Leben und Tod vereint zum ewigen SEIN, zum ewigen Leben.

Wer sich mit den Wundererzählungen der „Alten" zufrieden geben kann, zwischen angeblichem Ereignis und dem Sinn des erdachten und gewünschten Wunders nicht unterscheidet, weil er alles versteht, was sich mir erst mühsam durch nachdenken eröffnet, sollte sich nicht unbedingt mit meinen Gedanken auseinandersetzen.
Ein Diplommathematiker hat mir gegenüber ernsthaft behauptet, dass Jonas tatsächlich von einem großen Fisch verschlungen wurde und überlebt hat.
Ja!
Er glaubt es wider besseren Wissens!
Das ist SEIN Glaube! Wer hat das Recht SEINEN Glauben zu verwerfen?
Verstehen aber - kann ich diese Art Glauben nicht.
Und - ich bin gewogen in meiner Art zu Glauben.

Hat uns Gott nicht die wunderbare Fähigkeit des Denkens und Lernens gegeben?
Ist das nicht ein viel größeres Wunder, als der angeblich wieder „ausgespiene Jonas"?
Weshalb ignorieren wir also dieses Wunder?
Kann man diese Geschichte, nachzulesen im Buch „Jonas", nicht so deuten wie sie gemeint ist?
Dass die geistige Kraft, die uns Menschen verliehen wurde, durch hohe Konzentration in einem Gebet Wunderbares erreichen kann?
Gibt es nicht Wunder Tausende an der Zahl?
Nach Emanuel Kant:
„Der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz in mir?"
Oder bei jedem Blick in die Natur ?
Ist das Leben selbst nicht Wunder genug?
Müssen wir mehrere Tausend Jahre alte blumige Phantasien wortwörtlich nehmen, um ins Wunder unseres Seins einzudringen, um dem, was Christen, Moslems und Juden mit Gott bezeichnen, nahe zu kommen?

Dieser Gott hat uns mit vielen wunderbaren Gaben ausgestattet und unsere „Menschwerdung" ist wohl lange noch nicht abgeschlossen.
Gott zeigt uns Schritt für Schritt seinen Willen, indem er uns mit der herrlichen Fähigkeit des Denkens beschenkt hat, die uns immer besser erkennen lässt, dass wir Menschen zusammen gehören, uns achten und einigen müssen, dass wir EINS sind in Ewigkeit. Und Ewigkeit ist zeit- und raumlos und wir sind „Atome" oder nach Leibniz „Monaden" des Gesamten, des Ewigen, des Unendlichen, oder welche Worte wir dafür auch immer haben.
Wir sind in Gott! So einfach kann es gesagt werden.
Aber - ich will diesen Satz verstehen und nicht nur als Dogma in mich aufnehmen.

Wir sind wie Kinder, die „erwachsen " werden müssen, um zu verstehen, wer wir sind.
Und (ich habe an anderer Stelle schon darauf hin gewiesen) wir werden noch durch viele Höhen und Tiefen gehen müssen, bevor sich das Wunder Gott in aller Größe in uns auftut, ohne dogmatische Formeln vor uns her sagen zu müssen.


***


DEPRESSION

Schlafen, schlafen, schlafen ....
Bitte! Nicht Erwachen ...
Doch dann öffnen sich die Augen.
Nur einen Spalt.
Gerade so, dass Licht in die Pupillen fällt und der Teufel steht wieder vor dir...
Das helle Licht! Der Tag, dem du entfliehen wolltest.
Augen wieder schließen!
Das hilft.
Aber nur einen Moment. Der Druck auf Brust und Kopf ist wieder da und die Angst vor dem Licht, vor der Wirklichkeit erfasst dein Wesen.
Das Wesen ist Angst.
Angst vor der Angst, dass sie wieder kommt, immer wieder, immer wieder ....
Probleme häufen sich auf zu Bergen, die vor dir stehen und langsam auf dich zu kippen, langsam, ganz langsam, aber unausweichlich und dich begraben wollen, dich ersticken ...
Die einzige Rettung: Augenschließen, Dunkelheit, Schlafen ...
Aber - der Schlaf verweigert sich, die schützende Finsternis will sich nicht einstellen.
Allein der Gedanke aufzustehen, wird zur Qual, zum Problem.
Einfach aufstehen, ein paar Schritte gehen, das Bettzeug richten, waschen, rasieren, Frühstück bereiten, essen, Luft herein lassen ...
Nein!
Schon diese Gedanken allein quälen, ersticken in sich selbst. Unüberbrückbares Hindernis!
Einkaufen! Du musst einkaufen gehen. Es fehlt an allem; der Kühlschrank ist leer.
Hungergefühl? Kaum!
Trotzdem! Du musst aufstehen, dich zurecht machen, die Tür öffnen, die Treppen hinunter, dann auf die Straße und bis zum Supermarkt laufen.
Für einen Moment erscheint das ausführbar.
Der Müll! Er müsste ebenfalls hinunter ...
Aufstehen, anziehen, Müll einsacken, runter schaffen, einkaufen ...
Plötzlich steht wieder diese Wand vor dir - grau und undurchlässig!
Nichts geht mehr.
Nichts!
Die Wand senkt sich, erdrückt dich. Nur die Bettdecke kann schützen.

Nach Stunden - Erwachen!
Es ist hell, die Sonne scheint herein, du kannst atmen, tief durchatmen.
Es geht.
Die Augen bleiben offen.
Der Druck auf der Brust ist noch da. Doch - du kannst dich aufrichten, auf die Beine stellen, in Richtung Bad gehen.
Auf halbem Wege spürst du neuen Druck, Druck im Magen, in der Brust, im Hals.
Es würgt!
Du stehst vor der Bad-Tür.
Öffnen! Du willst! Du willst!
Nein - nichts willst du.
Nichts! Es ist zu viel. Zu viel! Du kannst nicht.

Es fehlt jeder Antrieb. Alles „Innere" ist leer, ist blockiert, ist seelenlos. Ein Motor ohne Treibstoff und der Tank ist leck und jeder Versuch nachzufüllen - muss scheitern.
Die lieben Mitmenschen kommen und bemühen sich immens, den Tank wieder zu füllen.
Sie wollen Mut machen. Sie klopfen auf die Schulter und setzen ihr Lächeln auf.
„Nur Mut, nur Mut, es wird schon wieder!"
Dabei nicken sie mit dem Kopf, bevor sie sich abwenden, bevor sich ihr Lächeln in Kopfschütteln verwandelt: Dem fehlt doch nichts!
Der sollte mal richtig arbeiten, wie wir. Dann geht ´s ihm besser!

Sie wissen nichts von dem Leck im Tank.

„Lach doch mal!"
„Sei nicht so unlustig!"
„Dir geht es doch gut!"

Dann geben sie ´s auf!
Die Häme bricht durch. Erst noch versteckt, dann schon offener. Bald sieht man es an ihren Blicken; manche fassen es in Worte: „Simulant! " „Arbeitsscheu! " „Verrückt?! "

Sagen sie eventuell zu einem, der
ein Bein gebrochen hat: „Lauf doch mal ordentlich! Guck, so wie wir?!"
Nein!
Natürlich sagen sie das nicht.
Im Gegenteil - der Verletzte erfährt alle erdenkliche Zuwendung und Hilfe.
Ein gebrochenes Bein - wie viel Verständnis, ehrliches Bedauern, wie viel Aufwand, bis der Kochen wieder zusammengewachsen ist.

Eine gebrochene Seele? Gibt es das?
Was ist das - Seele? Psyche?
Unsinn - jeder hat mal einen Durchhänger.
Einfach zusammenreißen, dann geht ´s schon wieder.
Krank?
Arbeitsscheu! Und die Kollegen müssen sich den Arsch aufreißen!
Die Krankenkasse Zahlt - aus Steuergeldern ...

Ein Bein bricht durch zu hohe Belastung, durch eine artfremde Bewegung, durch eine Knochenkrankheit, durch körperliche Fehlfunktionen.

Eine Seele bricht durch jahrelangen Druck, aus dem Gefühl heraus, minderwertig zu sein, den Anforderungen nicht mehr stand zu halten, Pflichten nicht mehr erfüllen zu können. Eine Seele bricht, wenn sie abgelehnt wird, wenn sie einsam ist, wenn Drüsenfunktionen und wichtige Bodenstoffe des Körpers außer Kontrolle geraten.
Dann bohren mehrere Bohrer am gleichen Ort und zur gleichen Zeit und der letzte Treibstoff geht verloren.

Dann bleibt nur noch eins: Mit dem letzten Quäntchen Kraft die Gargentür von innen fest verriegeln, dann die Schlinge um den Hals legen und ...

Nach spätestens drei Tagen wird die Garagentür aufgebrochen.
Der Anblick lähmt! Das bleiche Gesicht, glotzende Augen, geschwollene Zunge ...

Sprachlosigkeit, Entsetzen ...
Tag um Tag, Woche um Woche ...
Monate!

Doch die Zeit vergeht und man spricht wieder.
Man weiß jetzt: Er war krank ... Er hatte schon lange ... Und, und, und ...
Dann, wieder sind nur Monate vergangen, wird die Schande verschwiegen.
Da war nichts ...

Fachleute hätten das Leck im Tank verschließen und den Treibstoff wieder auffüllen können.
Mit etwas Verstand, Wissen und menschlicher Zuneigung wäre die Reparatur gelungen.
Gespräche mit einem Therapeuten, medikamentöse Behandlung, um die Funktion der Bodenstoffe wieder zu regulieren, ein Kuraufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ...
Die Dunkelheit wäre wieder Licht gewichen und die Seele hätte sich wieder erhellt.

Ein bisschen Verständnis der Mitmenschen ... Ein bisschen nur!

Aber da ist die Scheu vor dem Unbekannten und Scham, den Familienstatus preiszugeben - die geistige Potenz, die Intelligenz: Wir sind etwas!
Wir haben keine Probleme!
Wir sind „steril " und kalt und unsere Kinder schlau in der Schule ... Und der Großvater war Beamter ...
Und der Vater - Patient beim Psychiater ?
Nein!
Das passt nicht!
Nun wird wieder geschwiegen - Jahr um Jahr und die
Nachkommen erfahren nichts vom familieren „Fehltritt ".
Da war nichts!

Und Frühling wird es wieder und Sommer und Winter und das Leben geht weiter ... Blumen blühen und welken, Menschen lieben und hassen, Wolken ziehen, verdecken die Sonne, ergießen sich über die Erde bis der Wind sie wieder verdrängt und die Sonne uns wieder lacht.
So ist es - unser Leben!




Die Erde aus dem Weltraum gesehen

In absehbarer Zeit wird ein Mensch die Erde vom Mars aus sehen.
Einen Stern am Himmel.
Vielleicht so groß und leuchtend wie die Venus.
Vielleicht kleiner oder größer - noch leuchtender ...
Jedenfalls nur so groß, dass man sie in die Hand nehmen könnte, oder - nur so groß wie ein Fingerhut.
Und wir wissen - auf diesem leuchtenden Punkt leben mehrere Milliarden Menschen.
Nicht sichtbar - von hier aus! Und - wären wir nicht von der Erde gekommen - nicht denkbar ...
Nein - wie könnte man ahnen, was dort in diesem hellen Punkt geschieht.
Milliardenfaches Gedankenglühen sendet dieser Stern permanent in ´s All, milliardenfache Emotionen von himmlischer Liebe bis satanischem Hass sind in diesem leuchtenden Punkt eingeschlossen und drängen nach Lösungen, nach außen in den Raum.
Wahnsinnsschreie des Schmerzes aus grausamen, sinnlosen Kriegen, Mord, Hass und Vernichtung - heroische Gedanken, patriotisches Verhalten, Ehrhaftigkeit und Ehrlosigkeit, Pflichterfüllung oder tiefste Depressionen ziehen um den Erdball, Schicksale entzünden sich und erlöschen durch Tod oder Gleichgültigkeit - und immer wieder gehen Schreie und bitten zu einem Gott, der diesen kleinen Punkt vielleicht schon lange vergessen hat?

Oder sind wir nicht fähig das Große, das Geistige zu erfassen, wenn wir uns nur an diesem kleinen verlorenen Punkt im All festhalten?

Stellen wir uns vor, in einem Raumschiff bis zu einem der nächsten Fixsterne, zum Beispiel dem Alpha Centauri, vorzudringen, dann erlischt für unser Auge dieser kleine Punkt „ERDE".
Nichts ist mehr sichtbar von all dem Treiben.
Lediglich unsere Sonne sehen wir als kleiner Stern unter Millionen anderen
Wer oder was sind wir also?
Unter unserer räumlichen und zeitlichen Sicht betrachtet ein NICHTS?
Ich kann es nicht glauben - da doch so viel in uns geschieht an Liebe, Hass, Sehnsucht, Freude ...
Sind Entfernung und Zeit, unsere Größe, unser Körper, unsere Erde - gar nicht das Wesentliche? Sondern unser inneres Wesen, unsere Seele - was wir darunter auch immer verstehen mögen?
Sicher ist nur, dass wir Menschen an unsere Erde gebunden sind, dass wir sie gestalten müssen, um sie bewohnbar zu erhalten. Denn sie ist unsere feste Burg, in der wir unserer Bestimmung entgegen sehen können.
Mehr Wissen ist uns nicht gegeben.
Noch nicht!
Ich vertraue aber dem menschlichen Geist und glaube, dass dereinst Wissenschaft, also menschliches Streben und Gottesglaube zusammenfinden und Menschen dann wie erleuchtet den Sinn unseres SEINS erfassen.


***





 Clas


Clas dachte nicht gern an die Jahre seiner Kindheit.

Die Stiefmutter bemühte sich wohl, ihm die Mutter zu ersetzen. Der Vater aber war ein grober und gewalttätiger Mensch, der seine Umgebung vergiftete. Wo er eintrat, wurde leiser gesprochen oder das Gespräch verstummte ganz. Die Blicke der anderen trafen ihn schräg - nie gerade und offen.

Für Clas war der Vater ein fremder Mensch. Prügel bekam Clas regelmäßig, gewöhnlich abends, wenn der Vater nach Hause kam. Manchmal roch der Mann nach Schnaps. Doch Clas nahm diesen Geruch erleichtert auf. Wenn der Vater getrunken hatte, war er müde und prügelte nicht. Die Prügel fürchtete Clas, aber mehr noch, das laute Brüllen des Vaters. „Clas!" Schrie er. „Clas!" Wiederholte er noch lauter, wobei das Gesicht rot anlief und die Augen hervortraten. Das Brüllen kündigte meist Schreckliches an.

 Letztens brüllte der Mann und zerschlug das Geschirr in der Küche. Clas stand daneben und zitterte vor Angst. Ein anderes Mal schlug er die Stiefmutter. Clas sah es mit an und weinte laut, denn die Stiefmutter gewehrte ihm Schutz; bei ihr fand er Geborgenheit.

Mehr noch, als die Stiefmutter, liebte er sein Hänschen, ein kleines Entchen, das er weit von einem Bauernhof in den Wiesen gefunden hatte. Es war ein verirrtes Entchen und hatte damals ganz kläglich um Hilfe gepiepst. So hatte er es kurzer Hand unter seine Jacke gesteckt und nach Hause getragen. Weit hinten im Garten hatte er ihm ein Versteck gebaut, fütterte es seither heimlich und verbrachte viel Zeit bei seinem kleinen Freund.

Wieder einmal hörte Clas das Pfeifen der Fabriksirene und wusste, dass nun bald der Mann nach Hause kommt. Und er kam! An diesem Abend war alles anders als sonst. Der Vater schrie und polterte nicht. Er saß still auf der Bank vor dem Haus, stierte vor sich hin und kein Wort kam über seine Lippen. Den Mund presste er fest zusammen, dass nur noch ein hellroter Strich zu sehen war. Clas hielt sich in angemessener Entfernung und warf ab und zu einen Blick auf den Mann, der ganz anders, so unheimlich still war. Dieses seltsame, ungewohnte Verhalten ängstigte Clas. Würde der Vater doch endlich aufstehen, ihm die Tracht Prügel verabreichen, ihn anschreien - er soll sich wegscheren - oder wenigstens, wie es seine Art war, über die Zeiten und über die Leute schimpfen. Aber nichts von alledem geschah. Er blieb sitzen, rührte sich nicht und blieb stumm. Eigentlich war die Anwesenheit des Vaters gar nicht zu spüren und doch... Clas hätte weglaufen können, um sich in den Feldern zu verstecken, wie er es oft tat, wenn er Ruhe suchte. Aber heute? Ihm war unheimlich zumute. Eine unbegreifliche Kraft hielt ihn immer in der Nähe des Vaters. Das Ungewisse wurde zur Qual.

 Am nächsten Morgen ging der Mann nicht aus dem Haus. Er schlürfte missmutig, nur halb angezogen durch die Wohnung und kramte hier und da herum. Die Stiefmutter sprach ebenfalls nicht, ging dem mürrischen Mann aus dem Wege und die Spannung wuchs - wurde unerträglich. Clas wusste nicht wohin, druckste ängstlich herum und stahl sich bei der ersten besten Gelegenheit aus dem Haus. Zwei Stunden saß er bei seinem Entchen, streichelte es und weinte sich den Kummer von der Seele. Hänschen ließ aber schon seit ein paar Tagen den Kopf hängen, wollte kein Futter mehr annehmen und saß zusammengesunken in einer Ecke. Hänschen war krank. Clas fühlte es - fühlte, dass ihn sein kleiner Freund verlassen wollte. Das machte ihn noch trauriger. Er vergaß den mürrischen Mann, seine Angst schwand durch die Sorge, er könnte das einzige Wesen, das er wirklich liebt, verlieren. Heimlich holte er Milch aus der Küche, doch Hänschen wollte nicht trinken. Ein altes Kissen, das er auf dem Boden fand, wurde zum Krankenlager. Stunde um Stunde wachte er vor dem Versteck, sein kleiner Freund aber wurde immer matter.

Der Vater kam heraus, und begann im Hof und im Garten zu hantieren. Erst räumte er dies und jenes hin und her und schien unschlüssig, womit er beginnen sollte. Doch seine Geschäftigkeit nahm bald zu. Überall wurde geräumt und geordnet. Steine, die schon seit Jahr und Tag am gleichen Platz lagen, warf er auf einen Haufen, rechte Unrat zusammen, der noch vom vergangenem Winter dalag und stöberte im gesamten Garten herum, dass kein Winkel unberührt blieb. Immer näher kam das Rumoren dem Versteck, in dem Clas bei seinem sterbenden Freund Wache hielt.

Dann war es soweit. Der Junge hockte verzweifelt am Boden. Zuerst sah er nur die langen Beine, dann den Körper und schließlich das Gesicht, von dem eigentlich nur das vorstehende Kinn und die Nasenlöcher zu sehen waren. Noch war Hänschen unentdeckt. Clas wollte beten, denn er erinnerte sich, dass es schon einmal geholfen hatte, war sich aber doch nicht ganz sicher, ob die gestohlene Milch durch das Beten unentdeckt geblieben war. Das Beten gelang nicht, das Denken auch nicht, er war erstarrt vor Schreck. Obwohl Clas die ganze Zeit gewusst hatte, dass dem Unheil nicht mehr auszuweichen war, überraschte es ihn jetzt doch, denn es durfte nicht sein, und es konnte in seinen Gedanken keinen Platz finden. Deshalb stand es, verkörpert durch diesen Mann, jetzt unbegreiflich vor ihm. Der Vater zischte nur: „Verschwinde!" Clas rührte sich nicht. „Verschwinde!" Kam nochmals, diesmal aber leise und drohend, über die Lippen des Mannes. Die Worte ließen den Jungen erzittern, aber er blieb. Langsam hob sich die Spitze der großen Hacke, die der Mann mitgebracht hatte. Seine beiden Fäuste umklammerten wie Zwingen den hölzernen Stiel. Immer weiter und weiter entfernte sich die scharfe Spitze der Hacke und schwebte bereits hoch über dem kopf des Mannes. Plötzlich sauste sie blitzschnell und vernichtend in den Geröllhaufen, unter dem sich die kleine Höhle des kranken Tieres befand.

Mit diesem Schlag brach alles zusammen: Das Versteck, die Angst und die Spannung. Mit einem wahnsinnigen Schrei stürzte sich Clas auf den überraschten Mann, kratzte ihm übers Gesicht, biss in blinder Wut zu, ohne zu wissen wohin und entwand sich wie ein Wiesel den furchtbar großen Händen des Mannes. Mit wenigen Sätzen erreichte er den Gartenzaun, kletterte flink darüber und rannte, ohne auch nur einen Gedanken fassen zu können, davon, rannte um sein Leben und verschwand in einem Kornfeld.

Er durchquerte es flink in geduckter Haltung, um nicht gesehen zu werden. Die Grannen zerkratzten sein Gesicht und Disteln stachen seine Füße; aber er rannte und rannte. War ein Feld zu Ende, blickte er sich scheu und lauernd um, übersprang den Feldrain mit zwei Sätzen und hetzte weiter. Bei dieser Jagd, die so lange anhielt, bis ihm die Kräfte versagten, hatte er plötzlich die Orientierung verloren. Wohin er auch schaute, die Gegend war ihm unbekannt. Die Sonne stand schon glutrot am Horizont, die Grillen zirpten und die Luft wurde angenehm kühl. Er stand inmitten von Heuhaufen auf einer großen Wiese, die an zwei Seiten von einem finsteren Wald begrenzt war. Der Wald erinnerte ihn an Märchen mit Hexen und Dämonen. Trotzdem dachte er: Sollte mich der böse Mann hier finden, könnte ich tief in den Wald fliehen, mich hinter Bäumen verstecken oder hinauf klettern. Vorerstwar aber keine Gefahr zu erkennen. Clas legte sich in einen Heuhaufen, wollte ein wenig ausruhen und dann weitermarschieren.

 Ein Kitzeln an der Nase weckte ihn. Er versuchte den Störenfried zu vertreiben, aber kaum zog er seine Hand zurück, war er wieder da. Plötzlich hörte er hinter sich ein helles Kichern. Er wandte den Kopf zur Seite und sah - das Gesicht eines Mädchens. Schwarze Augen blickten ihm lächelnd entgegen und eine weiche, weiße Hand strich ihm sanft über den Kopf. Langes schwarzes Haar fiel gewellt über ihre Schultern, und sie lächelte keck und gut, und noch etwas war in ihren Augen, das er nicht verstand. Sie war schon älter als er und ging wohl nicht mehr zur Schule. Ihre Bluse war weiß und durchsichtig und es wurde ihm warm in ihrer Nähe, denn sie war schön und kein Kind mehr.

„Du hast wohl hier geschlafen?" Fragte sie plötzlich. Clas nickte nur. „Komm mit", rief sie und rannte ein Stück weg. Als sie merkte, dass Clas nicht folgte, blieb sie stehen. „Komm doch, du!" Rief sie nochmals und winkte ihm zu. Clas glaubte nun, er träume noch, denn das Mädchen kam und nahm ihn an die Hand, führte ihn fort, zu einem Bauernhof, der ganz in der Nähe, hinter Bäumen versteckt, an einem Bache lag.

„Sei leise", flüsterte sie ihm ins Ohr, „man darf uns hier nicht bemerken." Sie schlichen beide an der Hauswand entlang, duckten sich unter den niedrigen Fenstern und erreichten eine alte wacklige Holztreppe, die an der Außenwand des Hauses zu einer Tür führte, die bis unter die Traufe reichte. Das Mädchen hielt immer noch die Hand des Jungen fest und zog ihn hinter sich her.

 „Wie heißt du eigentlich"; fragte Clas und wollte einen Augenblick stehen bleiben. „Pssst, jetzt ist keine Zeit zum Fragen, wenn die dich hier sehen", antwortete sie und zog ihn die Treppe hinauf. Obwohl das Mädchen die Tür ganz langsam öffnete, knarrte sie laut und vernehmlich. „Das geht nicht, die hören das", flüsterte sie Clas zu und kehrte wieder um. Sie waren gerade wieder unbemerkt die Treppe hinunter geschlichen, als plötzlich ein großer zottiger Hund laut kläffend in den Hof gerannt kam.

„Der beißt", schrie das Mädchen und rannte, ohne auf das Knarren zu achten, die Treppe wieder hoch, riss die Tür auf und war dahinter verschwunden. Clas rannte hinterher. Auf dem Dachboden war es dunkel, im ersten Moment - stockdunkel.. Er wollte gerade fragen: „Wo bist du?" Da spürte er, wie ihn ihre warme Hand berührte. Wortlos führte sie Clas durch den finsteren Raum. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und bald konnte er die Umrisse von dicken Balken, Leitern und Gartengeräten erkennen. „Pass auf, hier sind schon welche abgestürzt", sagte sie leise und tat sehr geheimnisvoll. Obwohl Clas schon sehr gut sehen konnte, entdeckte er keine Stelle, an der man hätte abstürzen können. Inzwischen waren sie beide an einem Strohfuder angelangt.

 „Setz dich", befahl sie. Das Stroh war feucht und roch muffig. Sie setzte sich dicht neben Clas, umfasste ihn und drückte ihre warmen Lippen auf seinen Mund. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr:"Ich liebe dich. Ab jetzt bist du mein Geliebter.

" Clas verstand nicht gleich, denn noch nie hatte ihm ein Mensch gesagt: „Ich liebe dich." Ihm kamen die Tränen - wohl vor Freude oder Scham. Trotzdem ließ er sie gewähren und empfand die Wärme ihres weichen Körpers sehr angenehm.

 „Ich werde dich heiraten", erklärte sie. „Meine Freundin heiratet auch, aber die ist schon sechzehn." Clas wurde es wirr im Kopf. Er verstand nur, dass sie ihn heiraten wollte. Eigentlich war dagegen nichts einzuwenden. Aber, dachte er, ich bin doch noch ein Kind... Unter ihren Küssen vergaß er aber alle Bedenken, seinen Hunger, der sich langsam bemerkbar machte, und seine Seelenqualen der letzten Stunde.

Er hatte sich gerade so recht ihren drängenden Liebkosungen hingegeben, da knarrte die Tür und in dem einfallenden Lichtschimmer zeigte sich dunkel die Gestalt eines breitschultrigen Mannes.

„Ist hier jemand ?" rief der Mann. Für Sekunden stockte den beiden der Atem. Clas spürte den Herzschlag des Mädchens, ihren warmen Körper, der zitternd die Nähe des Jungen suchte, und der Junge beruhigte sie und flüsterte: „Du brauchst keine Angst haben, ich helfe dir". Doch das Mädchen wurde unruhig, sah zu Clas, dann zu dem Mann, rückte ein Stück weg von dem Jungen und sprang wie eine erschreckte Wildkatze auf.

„Hilfe !" Kreischte sie plötzlich mit einer Stimme, die so schrill und keifend klang, dass Clas nie geglaubt hätte, sie stamme von diesem Mädchen, das ihn in eine andere Welt gezaubert hatte. „Hilfe !" Kreischte sie schon wieder und Clas konnte sehen, wie sich ihr Gesicht boshaft verzerrte.

„Der hat sich hier oben versteckt", sagte sie unter Schluchzen, indem sie auf den Jungen zeigte und begann jämmerlich zu heulen. Der Mann war mit wenigen Sätzen bei ihm, packte ihn, warf ihn ins Stroh, zog ihn wieder hoch und schrie: „Du verdammter Saukerl, du Halunke ! Ich werd´s dir zeigen. "

 Clas war wie gelähmt, brachte keinen Ton heraus und ließ alles mit sich geschehen. Einen Augenblick sah er in das Gesicht des Mädchens. Sie zuckte zusammen, bei jedem Schlag, den ihm der Mann versetzte. Ihre Augen blickten jetzt erschrocken. Der grobe Kerl schleifte ihn zur Treppe und stieß ihn hinunter. Noch im Fallen spürte er einen stechenden Schmerz. Dann nichts mehr... Als Clas wieder zu sich kam, sah er zwei Männer: Den groben Kerl und den Vater ! Er wollte aufspringen und fliehen; ein stechender Schmerz im Bein hielt ihn aber am Boden. Seine Blicke suchten vergebens das Mädchen, aber es war verschwunden. Nur die beiden Männer standen groß und wie drohend über ihm.

Früher war alles viel besser


Meine Großmutter schwärmte vom Kaiserreich.
Sie kannte die Namen des Österreichischen Kaiserhauses besser als die Namen aktueller Politiker.
"Mein Gott, wo sind die Jahre hin", pflegte sie zu sagen, wenn sie von Kaiser Franz Joseph schwärmte und mit herabwürdigenden Blicken über die Kaiserin Mutter, Sophie, urteilte: "Sie war die eigentliche Herrscherin am Hof und ist dem Kaiser in den Rücken gefallen und hat die Familie zerstört", sagte sie oft.
Nach diesem schwerwiegendem Satz machte Großmutter manchmal eine Pause, sann vor sich hin, schüttelte den Kopf und begann dann wieder zu erzählen: "Mein Gott, musste sich Ferdinand Maximilian in Mexiko zum Kaiser krönen lassen? Hätte er doch nicht auf Charlotte gehört. So ein Größenwahn von dieser belgischen Prinzessin, die er zur Frau genommen hatte.
Macht, immer nur Macht ..."
Dass Großmutter im Kaiserreich so gut Bescheid wusste, hatte einen Grund. Ihr Onkel, der ebenfalls Maximilian hieß, war Matrose und gehörte zu der Mannschaft, die die Leiche des Gekrönten von Mexiko in die Heimat überführt hatte.
Die Geschichte der Überfahrt kannte Großmutter in allen Details.
Von Sturm und Wellen, so hoch wie ein Haus, sprach sie, als hätte sie es selbst erlebt, von den Gefahren bei der Übergabe des toten Kaisers und letztlich von der glücklichen Ankunft in der Heimat.
Tief atmend beendete sie meistens ihre Erzählung mit den Worten: "Ach, die Kaiserzeit, das war die schönste Zeit ... Das kommt nie wieder ..."

Die Geschichten meiner Großmutter vom Kaiserreich und einem "Früher", in dem alles viel besser war, beflügelten als Halbwüchsiger meine Phantasie und meine Vorstellung von diesem "Früher" malten bald alle meine Träume vom irdischen Dasein.
Indianerbücher lieferten mir eine exotische Kulisse bei der Übergabe des Leichnams an die Schiffsbesatzung und ich sah mit bunten Federn geschmückte Indianer, die in halb geduckter Pose vergiftete Pfeile auf die Matrosen abschossen und auch, wie mein Urgroßonkel als einziger Kämpfer in hünenhafter Gestalt die Indianer in die Flucht schlug, damit der Rest der Mannschaft den Sarg auf das Schiff bringen konnte.
Zum Abschied feuerte die Besatzung alle Konen ab und die Indianer flohen in das Innere des Landes.
So ähnlich musste es gewesen sein und ich fühlte mich in meiner Phantasie als Held.
Den Sarg mit dem Leichnam übergab ich dem Kaiser Franz Joseph und nahm seine Huldigungen mit Ehrfurcht und Stolz entgegen.
Auch Großmutters Erzählungen über die Heldentaten eines anderen Onkels in Herzegowina und Bosnien passten gut in mein Bild vom "Früher", denn ich hörte von Verbrechern, die mit einem Messer im Mund auf Bäumen saßen, sich von oben auf die österreichischen Soldaten stürzten und sie niederstachen.
Allerdings habe auch dieser Urgroßonkel die Angriffe überstanden und sei heil wieder heimgekehrt.
Irgend ein Verwandter neuerer Zeit war Spanienkämpfer.
Allerdings wusste Großmutter nicht, auf welcher Seite er gekämpft hatte, was auch weniger wichtig war, weder für mich, noch für Großmutter ...
Wichtig war nur, dass er wieder heimgekehrt war.

Dass in mir etwas Heldenhaftes träumte, war verständlich, schließlich war ich ein Kriegskind und hatte in der Nachkriegszeit oft den Eindruck, mein Vater, der Buchhalter, mein Onkel, der Kunstmaler und mein siebzigjähriger Großvater könnten die Welt auf den Kopf stellen, denn ich lebte nicht nur in den Geschichten meiner Großmutter, sondern auch in den Kriegserlebnissen des Vaters und meiner Onkels.
Es war die Zeit, da mein Cousin, ein Elektriker, unseren Schuppen in dem einundzwanzig Kaninchen, zwei Ziegen und elf Hühnern Unterschlupf hatten, mit einer elektrischen Anlage verkabelte, die bei jedem Einbruchversuch im Haus Alarm auslösen sollte.
An den Abenden wurde über den Ernstfall die Einsatzstrategie beraten:
Mein Cousin hatte einen alten Stahlhelm gefunden, den er meinem Vater gab. Außerdem stellten sich mein Vater, mein Onkel und mein Opa eine handliche Eisenstange neben das Bett, um schnellst möglich bewaffnet die Einbrecher zu verjagen.
Hin und wieder wurde ein Probealarm geübt und ich durfte vom Balkon aus die Übung beobachten, wie sich Buchhalter, Kunstmaler und Opa im Hofe trafen.
Einen ernsten Einsatz in der Nacht hatte es, so glaube ich, nicht gegeben.
Aber: Eines Tages, als mein Vater gegen 16 Uhr nach Hause kam, war der Stall aufgebrochen und alle einundzwanzig Kaninchen verschwunden.
Während des Tages war die Alarmanlage ausgeschaltet.

Meine Vorstellungen von "Früher" füllte ich mit allem, was sich mit diesem Begriff in Verbindung bringen ließ.
Alte bauchige Weinflaschen mit bunten Etiketten, die ich im Keller fand, waren mir genug Beweis für die frühere bunte Welt, die nie wiederkommen würde. Ja, bunt musste diese Welt gewesen sein, mit bunten Flaschen, bunten Emailleschildern, dem Sarotti-Mohr auf Wendlers Kolonial-Waren-Laden und den Erzählungen von damals.
"Früher", das war eine strahlende Welt.
Eine Welt mit Gesang und Freude, mit Heldentaten, so leicht wie Räuber und Gendarm gespielt, mir abenteuerlichen Geschichten aus Kriegen, Siegen und Niederlagen, mit Sportfesten und Bällen, auf denen exakt gekämmte junge Männer mit geputzten Schuhen anständige Mädchen zum Tanze führten.
Ja, früher waren die jungen Leute immer die Besten in der Schule, lernten ordentliche Berufe oder studierten.
"Früher", da war alles besser!
Der erste - und der zweite Weltkrieg, das tausendjährige Reich, Ordnung und Sauberkeit und Anständigkeit - vor allem!
Autobahnen, Arbeitsdienst und Rüstungsindustrie brachten Arbeit und Wohlstand.
Mein Onkel, der Kunstmaler, trauerte aber der Zeit nach, in der sich Geist und Kunst frei entfalten konnten.
Seine Hoffnung, dass die Menschen nach dem verlorenen Krieg wieder frei atmen können, blieb ein Traum, denn eine Partei bestimmte wieder was Kunst und richtig war und nur das Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar erinnerte noch an den freien Geist, den es irgendwann gegeben haben soll.
Noch früher war es noch besser, da glaubten alle Menschen noch an Gott.
Da wurden die Ketzer, vor allem die Hexen, verbrannt und es war Ordnung in den Köpfen der Menschen.
Der Dreißigjährige Krieg überzog zwar das Land, doch Reiter und Wagen und vor allem zu Fuß, konnten die plündernden Horden nicht überall sein und es mag manche Gegenden gegeben haben, die jahrelang vom Krieg verschont geblieben waren.
Und wenn ich jetzt an des Jahr 1975 denke, wird mir schwer ums Herz.
Ein Weihnachtspaket aus München mit Orangen, Leckereien und einem Buch von Hermann Hesse "Narziss und Goldmund" entlockte meinen Augen Freudentränen.
Die Hoffnung, einmal die Alpen zu sehen, einmal ein richtiges Auto zu besitzen, einmal öffentlich sagen zu dürfen, was ich dachte und vielleicht doch einmal ins Wunderland "Westen" zu gelangen, waren wie ein Silberstreif am Horizont, mit dem es sich lohnte zu leben.
Ich lebe jetzt im Jahr 2006!
Der Silberstreif liegt hinter mir, ich sehe ihn nicht mehr ...
"Früher" - war doch alles besser ...

Wenn früher in unserem kleinen Haus die Waschküche dampfte, Mutter und Großmutter gemeinsam mit der Wäsche rangen, kochten, rumpelten,spülten und im Hof die Leinen zogen, da war Freude angesagt für uns Kinder.
Bevor es aber so weit war, wurde der Kessel angeheizt und dabei qualmte es oft mörderisch, weil wieder einmal der Westwind über den Schornstein strich und an der Hauswand aufwirbelte, den beizenden Rauch in die Waschküche drückte, dass men weder atmen noch etwas sehen konnte.
Jetzt war meine Stunde gekommen!
Ich durfte mit einem nassen Tuch vor Nase und Mund in der Reinigungsöffnung des Schornsteines ein Strohfeuer entfachen, dass schließlich den erforderlichen Schub nach oben brachte und den Qualm nach und nach aus der Waschküche durch den Schornstein ins Freie zog.
Entscheidend dabei war, dass ich nach solch einer Heldentat jedes Mal gelobt wurde und danach mindestens mehrere Stunden vor Selbstbewusstsein strotzte.
Meine Mutter erzählte überall, wie geschickt und mutig ich war, wie ich den Schornstein zum Rauchen gebracht hatte und dass sie, wenn ich mich nur so weiter entwickelte, im Leben meinen Mann stehen würde.
Traurig stehe ich nun vor unserer Waschmaschine ...
"Früher" - war alles viel schöner ...